Stinkt Merinowolle wirklich nicht? Der Test!

Es heißt Funktionsbekleidung aus Merinowolle kann man „tagelang“ tragen, ohne dass diese anfängt zu stinken. Ein Traum für jeden Wanderer, Skifahrer, Radfahrer und Läufer, der seine Sportbekleidung nicht nach jedem Tragen waschen kann oder möchte. So würde Merinowolle besonders auf mehrtägigen Touren, egal ob auf dem Rad oder zu Fuß, Sinn machen. Oft hat man auf diesen Touren keine Möglichkeit oder keine Zeit zu waschen.

Die besondere Wolle des Merinoschafes soll die Lösung sein und Funktionsbekleidung aus synthetischen Stoffen und künstlichen Membranen die natürlichen Eigenschaften der Naturfaser entgegensetzen. Aber können die Textilien aus Merinowolle auch im sportlichen Einsatz überzeugen? Kann Merinowolle vielleicht sogar die künstlich erzeugten Eigenschaften von Polyester & Co übertrumpfen?

super.natural Merino Shirt Tempo TeeIn den letzten Monaten habe ich mich intensiv mit dem Thema Merinowolle auseinandergesetzt. Insgesamt konnte ich 8 verschiedene T-Shirts aus Merinowolle testen und habe über jedes einzelne Shirt ausführlich hier im Blog berichtet. Ich konnte also viele Erfahrungen mit der Merinowolle in Sportbekleidung sammeln und habe viel über die Naturfaser gelernt. Nicht nur, was die positiven Eigenschaften (laut Herstellern) ‚sein sollen‚, sondern wie sich die Wolle wirklich im täglichen Einsatz verhält. Und ich kann sagen, die Merino Shirts wurden auf Herz und Nieren geprüft und intensivst eingesetzt. Meine Erfahrungen mit der Merinowolle basiert zu einem großen Teil auf dem Einsatz der verschiedenen T-Shirts beim Laufen. Fast alle Shirts hatte ich aber auch mit auf Reisen im Ausland, auf Bike-Touren, beim Wandern und auf längeren Camping-Touren.

Über die Eigenschaften der Merinowolle findet man im Internet mittlerweile viele Informationen. Auch ich habe schon über die Naturfaser geschrieben und die wichtigsten Fakten in einem Ratgeber zusammengefasst. Hier soll es nun aber explizit um die antibakteriellen Eigenschaften der Merinowolle und meine persönlichen Erfahrungen mit dem Geruch bei Sportbekleidung aus Merinowolle gehen.


Meine Erfahrung mit Merinowolle beim Sport und Geruch

Für einen groß angelegten Test von Sportbekleidung aus Merinowolle habe ich speziell nach Merino Shirts gesucht, die ich zum Laufen tragen kann. Wichtig ist hier neben dem Material natürlich auch ein sportlicher Schnitt. Alle Shirts, die ich dann im laufe der Wochen testen konnte waren mindestens figurbetont, also slim fit. Die Hersteller haben mir außerdem T-Shirts empfohlen, die sich zum Laufen und Sport im Allgemeinen eignen sollen.

„DER HÄRTETEST“

Nach vielen Lauf-Kilometern in Merinowolle kann ich nun ein Fazit ziehen. Wie man vermutlich schon in den Einzeltests der Merino Shirts lesen konnte, bin ich sehr überzeugt von den Eigenschaften der Merinowolle! Die meisten Versprechen der Hersteller kann ich bestätigen.

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TAG 1 & 2

Der Titel „DER HÄRTETEST“ klingt vielleicht reißerisch, ist aber durchaus auch etwas ernst gemeint. Denn Laufen ist meistens (je nachdem wie intensiv man es betreibt) eine anstrengende Sportart, die (bei mir) mit ordentlich Schweiß verbunden ist. Bei schweißtreibenden Sportarten kommen die meisten Faser, und da ist es ganz egal ob Synthetik oder Naturfaser, an ihre Grenzen. Natürlich hat auch Merinowolle eine Grenze, die hier beispielsweise regelmäßig bei der Wasseraufnahmekapazität erreicht wird. Die Folge ist, dass sich die Merino Shirts doch irgendwann nass anfühlen. Die Wirkung des Auskühlens ist nun wieder ein weiteres/anderes Thema.

Die T-Shirts wurden also regelmäßig in Schweiß getränkt, luftgetrocknet und wieder benutzt.

Trotzdem habe ich auf Dauer keinen Schweißgeruch wahrnehmen können. Das Müffeln, welches man von Sportbekleidung aus Synthetikstoff kennt, ist bei Merinowolle erst einmal gar nicht zu riechen. Bei T-Shirts aus 100% Merinowolle kann ich auch nach zwei Tagen schwitzen, keinen negativen Geruch oder gar Gestank wahrnehmen. Schon allein mit dieser Leistung hat Merinowolle die Synthetikfaser locker in den Schatten gestellt.


TAG 3

Nach dem dritten Tag fängt der Stoff aus Merinowolle bei starker Beanspruchung durchschnittlich etwas an zu riechen. SportScheck hat das, wie ich finde, in ihrer Funktionsbeschreibung der Wolle ganz nett beschrieben: „Sie riecht auch nach der fünften (…Berg-) Überquerung allenfalls ein wenig nach Baby – und das weckt gerade bei vielen weiblichen Expeditionsteilnehmern eher den Kümmerer-Reflex als Antipathie.“ Besser kann ich es auch nicht beschreiben! Neben der zitierten Beschreibung der Eigenschaften von Merinowolle findest du hier bei SportScheck auch Informationen zur Pflege der Merinowolle, Tipps gegen Pilling (Knötchenbildung) und viele weitere Fakten rund um die Naturfaser. Aber zurück zum Thema Schweißgeruch bei Merinowolle – mal im Ernst, es entsteht nach drei Tagen intensiver Nutzung der Funktionsbekleidung ein leichter, nicht störender Geruch.


TAG 4 & 5

Wie entwickelt sich der Geruch der Merinowolle also, wenn man sie mehr als drei Tage intensiv und direkt am Körper trägt? Ab dem vierten Tag hängt dies vermutlich stark von Faktoren ab, die den Geruch beeinflussen. Dazu gehört beispielsweise die Ernährung und der Gesundheitszustand. Bezogen auf meine Erfahrungen kann ich sagen, dass ich ein Merino Shirt durchschnittlich gute 5 Tage tragen kann. Ist eine Waschmaschine greifbar (z.B. Zuhause) wasche ich Merino Wäsche meistens auch früher.


TAG 6 & mehr

Auf Reisen, besonders Camping, können es auch gut mal 6 Tage oder sogar mehr sein. Hier kommt es natürlich sehr darauf an, wie stark die Funktionsbekleidung beansprucht wird. Würde ich jeden Tag eine Stunde laufen gehen und das T-Shirt täglich voll schwitzen trage ich das gute Stück bestimmt keine 5 Tage, wenn ich keine Möglichkeit habe die Sachen mal kurz per Hand auszuwaschen. Geht es auf eine mehrtägige „gemütliche Wanderung“ und die Anstrengung ist nicht so hoch, kann man Funktionsbekleidung aus Merinowolle auch gut mal 6 oder 7 Tage am Stück tragen. Wenn man die Tipps für frische Klamotten beachtet, sollte man auch dann noch nicht andere Wanderer mit Mief belästigen.


TIPP

Nach dem Laufen waren die Shirts meist so durchgeschwitzt, dass es vom Feuchtigkeitszustand auch keinen Unterschied mehr machte und ich die T-Shirts kurz per Hand ausgespült habe. Ich habe festgestellt, dass man so die Nutzung ohne richtige Wäsche noch einmal verlängern kann. Meine Tipps für längere Frische der Funktionsbekleidung aus Merinowolle habe ich weiter unten (klick) zusammengefasst.



Der Unterschied von 100% Merinowolle und Materialkombinationen

Übrigens kann man Unterschiede feststellen, je nachdem welche Materialzusammensetzung die Funktionsbekleidung hat. (Meine hier beschriebenen Erfahrungen beziehen sich auf T-Shirts aus 100% Merinowolle.) Inzwischen kombinieren viele Marken Merinowolle mit Kunstfasern, um so die Vorteile beider Materialien in einem Funktionsstoff zu vereinen. Üblich sind beispielsweise Kombinationen von 70% Merinowolle und 30% Polyester. Der Stoff wird so robuster, trocknet schneller und ist meistens leichter. Die Vorteile von Funktionsbekleidung aus 100% Wolle gegenüber der aus 100% Kunstfaser werden durch das Mischen aber auch verkleinert. Eine nachteilige Folge ist, dass die Bekleidung früher anfängt zu riechen. Je höher also der Anteil von Kunstfasern, desto schneller fängt die Funktionsbekleidung nach dem Schwitzen an zu stinken. Die „antibakterielle Wirkung“ der Merinowolle kann sich nicht mehr in vollem Umfang entfalten. Mehr Kunstfaser bedeutet mehr Bakterien und mehr Bakterien bedeuten mehr Geruch.

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Natürlich lassen sich meine Erfahrungen mit der Sportbekleidung aus Merinowolle nicht Verallgemeinern und ich bin mir sicher da draußen sind auch Sportler, die andere Erfahrungen mit ihrer Merino Wäsche gemacht haben. Ich meine aber, dass meinen Erfahrungen ein paar grundsätzliche Eigenschaften der Merinowolle ableiten lassen und dazu gehört definitiv, dass Merinowolle deutlich später anfängt zu stinken als Bekleidung aus Kunstfasern. Wie diese Eigenschaft nun bezeichnet wird, ist ein anderes Ding und wird von den entsprechenden Merino-Unternehmen gerne beschrieben mit schön klingenden Begriffen wie:

  • antibakterielle Wirkung
  • geruchsneutral
  • no stink
  • anti-odeur qualities

Gerne kannst du mir mir über deine Erfahrungen in den Kommentaren berichten!


Warum stinkt Merinowolle nicht? Das sagt die Wissenschaft

Nach meinen Erfahrungen mit Merinowolle brauche ich eigentlich keine wissenschaftliche Bestätigung, trotzdem hat es auch mich interessiert warum Merinowolle nicht beziehungsweise später stinkt als synthetische Funktionsbekleidung. Ich habe mich also auf die Suche gemacht und habe ein paar interessante Erklärungen, Studien und Fakten gefunden, die ich dir nicht vorenthalten möchte.

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Die biologische Erklärung warum Schweiß überhaupt unangenehm riechen kann ist recht einfach: Schweiß besteht zu 99% aus Wasser und ist normalerweise eine klare, geruch- und farblose Flüssigkeit. Die restlichen 1% des Schweißes sind die Ursache für den Geruch, denn darunter befinden sich anorganische Partikel wie Salze und Ammoniak, sowie organische Verbindungen wie Harnstoffe, Butter, Harzsäure und Fette. Auch diese Partikel riechen an sich noch nicht unangenehm, sondern erst wenn Bakterien ins Spiel kommen, die diese Verbindungen zersetzen. Auf der Hautoberfläche befinden sich extrem viele Bakterien, die sich beim schwitzen in einem warmen und feuchten Klima den ideale Nährboden finden, um sich zu vermehren. Bei der Zersetzung der organischen Verbindungen durch die Bakterien entsteht dann der unangenehme „Schweißgeruch“. Es dauert also auch eine gewisse Zeit, bis es überhaupt anfängt zu riechen, denn die Bakterien vermehren sich erst und zersetzen dann den entstandenen Schweiß.

Der Grund warum Merinowolle nach dem Schwitzen viel später anfängt zu stinken als synthetische Materialien ist in den natürlichen Eigenschaften der Merinowolle zu finden:

  • Oberfläche

Merinowolle hat, genauso wie die meisten anderen Wollfasern, eine besondere Oberfläche. Die Struktur ähnelt dem Funktionsprinzip der Dachziegeln, wo eine Fläche die untere überlappt und so schützt. Diese Oberfläche bietet Bakterien wenig halt und sie können sich nur schwer festsetzen. Die Bakterien bleiben also vorrangig auf der Haut, wo sie ja auch hin gehören und eine sinnvolle Funktion übernehmen. Im Gegensatz dazu hat eine synthetische Faser eine glatte Oberfläche, auf der sich Bakterien gut niederlassen können und die Verbindungen des Schweißes zersetzen. Die Folge ist die schnelle Entwicklung des „Müffelns“ bei Sportbekleidung aus Kunstfasern.

  • Wasseraufnahmekapazität

Merinowolle hat eine besonders große Wasseraufnahmekapazität und entstehende Feuchtigkeit an der Hautoberfläche wird von der Naturfaser aufgenommen. Die bei Anstrengung natürlich entstehende Feuchtigkeit wird so zügig von der Haut weg transportiert, bevor ein Feuchtigkeitsfilm/Schweiß auf der Haut entsteht. Den Bakterien bleibt nicht viel Zeit für ihren Zersetzungsprozess und der damit verbundene Geruch. Die Folge ist eine geringere Zersetzungsrate als bei Kunstfasern.

  • Selbstreinigungsfunktion

Kreatin, ein Eiweißmolekül, nennt sich der Grundbaustein der Wolle. Die Besonderheit dieser Eiweißmoleküle ist, dass sie es den Bakterien besonders schwer machen sich zu vermehren. Der Zersetzungsprozess von Schweiß wird so natürlich verzögert und der unangenehme Geruch entsteht erst sehr viel später.

Merino Schafe in Neuseeland


Wie kann man die „Frische“ der Merinowolle verlängern?

Wie ich schon erwähnt habe, kann man die Selbstreinigungsfunktion der Merinowolle unterstützen und die Entwicklung von unangenehmen Geruch noch weiter hinauszögern. Wenn das Merino Shirt nach dem Sport voll geschwitzt ist, kann man es auch noch mal eben mit warmen Wasser ausspülen. So kann der meiste Schweiß direkt aus dem Stoff gespült werden. Wichtig ist außerdem, dass die nasse Sportbekleidung schnell trocknet – am besten direkt an der frischen Luft. Auch wenn die Klamotten nicht nass geworden sind, fördert das Lüften an der frischen Luft die Regeneration der Wolle.

  • gut Trocknen
  • ausgiebig Lüften
  • mit klarem Wasser ausspülen

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Das schreiben Andere über das Thema

Bei Spiegel Online ist ein interessanter Artikel mit dem Titel „Schluss mit dem Gemüffel“ zu finden, in dem auch Wissenschaftler zu dem Thema Schweißgeruch in Sportbekleidung zitiert werden. So sagt der Biologe Timo Hammer (Hohenstein-Institut, Bönnigheim) „Wie stark ein Kleidungsstück nach Schweiß riecht, hängt davon ab, wie viele Geruchsmoleküle es aufnimmt und wie viele es in entsprechender Zeit wieder freigibt, was dann als unangenehmer Geruch wahrgenommen wird“. Merinowolle verfüge aufgrund ihrer Struktur über eine sehr aktive chemische Oberfläche und zugleich über eine natürliche selbstreinigende Wirkung heißt es außerdem in dem Artikel.

Bei Wikipedia ist über die selbstreinigende Eigenschaft der Wolle zu lesen:

  • Wolle nimmt im Gegensatz zu Kunstfasern wenig Gerüche (z.B. Schweiß) an und hat eine natürliche Selbstreinigungsfunktion – aufgenommener Geruch wird wieder an die Luft abgegeben, die Wolle riecht nach kurzem Lüften wieder neutral und frisch
  • Sie kann Schweiß chemisch binden und somit lange neutralisieren

[Quelle: Eberle u. a.: Fachwissen Bekleidung. 9. Auflage. Europa, Haan 2007, S. 18 f.]

 

derJogger

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